Notgroschen aufbauen: Wie viel CHF du wirklich brauchst
Wie gross sollte dein Notgroschen sein und wo parkst du ihn in der Schweiz, wenn Sparzinsen wieder bei null sind? So baust du Schritt für Schritt einen auf.
Die Woche, in der dir klar wird, dass du keinen hast
Es ist Dienstag. Beim Znacht beisst du auf etwas Hartes – ein Stück Backenzahn ist weg. Notfalltermin am Mittwoch: Wurzelbehandlung plus Krone. Die Krankenkasse übernimmt davon nichts (so wie bei fast jeder Zahnbehandlung), eine Zahnzusatzversicherung hast du nicht. Rechnung: CHF 1'800.
Am Mittwoch sagt dir der Garagist, dass die ABS-Lampe nicht von alleine ausgeht. CHF 800.
Am Freitag kommt die Nebenkostenabrechnung deiner Vermieterin: CHF 620 Nachzahlung, weil der letzte Winter kalt war.
Und du? Du rechnest im Kopf. Ferien streichen? Kreditkarte? Eltern fragen? Du machst alles, was Menschen ohne Notgroschen machen, wenn das Leben gleichzeitig auf drei Türen klopft.
Genau für diese Woche ist ein Notgroschen da. Damit du nicht jedes Mal panisch wirst, wenn etwas Normales passiert. In diesem Beitrag zeige ich dir, wie viel du wirklich brauchst, wo du es parkst (auch jetzt, wo die SNB den Leitzins wieder auf 0% gesenkt hat) und wie du in 12 bis 24 Monaten einen aufbaust, ohne dein Leben auf Wasser und Brot umzustellen.
Was ist ein Notgroschen genau – und was nicht?
Der Notgroschen ist Geld, das nur einen Zweck hat: für unerwartete, dringende, finanzielle Notfälle bereitstehen. Reparatur. Jobverlust. Krankheit. Eine kaputte Brille. Die Katze, die das Sofa frisst und dann zum Tierarzt muss.
Drei Dinge ist der Notgroschen ausdrücklich nicht:
- Er ist kein Investment. Du baust ihn nicht auf, um Rendite zu machen. Du baust ihn auf, damit er sofort da ist.
- Er ist nicht die Ferienkasse. Wenn du dafür sparst, dass du im August nach Sizilien fliegst, ist das ein Sparziel, kein Notgroschen.
- Er ist nicht dein 3a-Konto. Säule 3a ist gesperrt bis 5 Jahre vor AHV-Alter. Im Notfall kommst du dort nicht ran (ausser bei Wohneigentum oder Auswanderung – und du willst nicht, dass das deine Notfalllösung ist).
Der Notgroschen ist der finanzielle Airbag. Du hoffst, dass du ihn nie brauchst. Aber wenn er da ist, schläfst du besser.
Wie viel brauchst du? Die ehrliche Antwort
Die Faustregel, die du überall liest: 3 bis 6 Monatsausgaben.
Klingt simpel. Ist es auch. Aber die Spanne ist wichtig, und sie hängt von deiner Lebenssituation ab.
3 Monatsausgaben reichen, wenn:
- Du fest angestellt bist mit Kündigungsfrist von 2–3 Monaten
- Du keine Kinder hast
- Du in der Stadt wohnst und im Notfall den Job schnell wechseln könntest
- Dein Partner oder deine Partnerin auch verdient
6 Monatsausgaben sind besser, wenn:
- Du selbstständig bist oder im Stundenlohn arbeitest
- Du in einer Branche arbeitest, in der Jobwechsel länger dauern
- Du Kinder oder Angehörige finanziell unterstützt
- Du Wohneigentum besitzt (Reparaturen kommen, und sie sind teuer)
Und es gibt noch eine dritte Stufe: 9 bis 12 Monatsausgaben. Die brauchst du, wenn du als Freelancer mit schwankendem Einkommen lebst, eine sehr spezialisierte Rolle hast (Jobsuche dauert) oder einen Karrierewechsel planst.
Monatsausgaben, nicht Monatslohn
Wichtig: Es geht um deine Monatsausgaben, nicht deinen Monatslohn. Wenn du CHF 6'000 netto verdienst, aber CHF 4'200 brauchst, um zu leben, dann ist dein Notgroschen-Ziel CHF 12'600 bis CHF 25'200 (3 bis 6 Monate × CHF 4'200). Nicht CHF 18'000 bis CHF 36'000.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wenn du im Notfall sparen musst, sparst du sowieso. Du gehst weniger essen, kündigst Spotify, fährst nicht in die Ferien. Plane dein Ziel mit dem realistischen Notfall-Budget, nicht mit deinem aktuellen Komfort-Budget.
Welche Ausgaben gehören in die Rechnung?
Schau in deine letzten 3 Monate und addiere zusammen:
Muss-Ausgaben (das, was du im Notfall trotzdem zahlen musst):
- Miete inkl. Nebenkosten
- Krankenkasse
- Handy / Internet (Basis-Abo)
- ÖV-Abo oder Auto-Fixkosten (Versicherung, Steuer)
- Lebensmittel (realistisch, nicht Coop-Premium-Linie)
- Strom / Wasser
- Bestehende Kredite oder Leasing-Raten
- Wichtige Versicherungen (Hausrat, Haftpflicht)
Was du im Notfall streichen kannst (zählt nicht zum Notgroschen):
- Streaming-Abos
- Restaurant und Takeaway
- Fitness-Abo
- Ferien
- Hobby-Material
- ETF-Sparpläne (kannst du pausieren)
- 3a-Einzahlungen (kannst du pausieren)
Beispielrechnung für jemanden, der in Bern in einer 2.5-Zimmer-Wohnung lebt:
| Posten | CHF / Monat |
|---|---|
| Miete inkl. NK | 1'600 |
| Krankenkasse | 380 |
| Handy / Internet | 80 |
| ÖV-Abo | 80 |
| Lebensmittel (realistisch) | 450 |
| Strom / Wasser | 60 |
| Hausrat + Haftpflicht | 30 |
| Notfall-Budget pro Monat | 2'680 |
Notgroschen-Ziel: CHF 8'000 (3 Monate) bis CHF 16'000 (6 Monate).
Das ist ehrlich gerechnet. Wenn dein normales Budget jetzt CHF 4'200 pro Monat beträgt, fehlen CHF 1'520 an Lebensqualität, die du im Notfall einfach pausierst.
Wo parkst du das Geld? Stand Mai 2026
Hier wird es interessant. Seit die SNB ihren Leitzins im Juni 2025 wieder auf 0% gesenkt hat (Stichwort: drohende Deflation), sind die Sparzinsen in der Schweiz im freien Fall. Yuh zahlt aktuell 0%. Bei vielen Grossbanken kriegst du auf dem klassischen Sparkonto 0.05% bis 0.25%. Das ist keine Rendite. Das ist Lagergebühr.
Trotzdem: Der Notgroschen gehört auf ein Konto, nicht in einen ETF. Warum? Weil du ihn am Tag X innerhalb von 24 Stunden brauchst, nicht in einem Quartal, in dem der MSCI World gerade 15% im Minus liegt.
Hier ein realistischer Überblick über die Optionen (alle Zinsen Stand Mai 2026, schwankend, vor Verrechnungssteuer):
| Konto-Typ | Zinsen 2026 | Wie schnell verfügbar | Für wen sinnvoll |
|---|---|---|---|
| Lohnkonto (Grossbanken) | 0.00–0.05% | Sofort | Notgroschen-Puffer (CHF 1'000–2'000) |
| Sparkonto Grossbank | 0.05–0.25% | 1–3 Tage | Wenn du Bequemlichkeit über Zinsen stellst |
| Sparkonto Kantonalbank | 0.25–0.75% | 1–3 Tage | Wenn du sowieso dort bist |
| Sparkonto Direktbank (z.B. Bank Cler, Migros Bank Online) | 0.50–1.00% | 1–3 Tage | Bester Kompromiss aus Rendite + Verfügbarkeit |
| Neobank-Sparbereich (Yuh, neon Spaces, Zak) | 0.00–0.50% | Sofort in der App | Wenn du das Banking schon dort hast |
| Festgeld 6–12 Monate | 0.75–1.25% | Nicht früh kündbar | Nicht für Notgroschen |
| Geldmarktfonds | ~SNB-Rate – 0.3% | 2–3 Tage | Fortgeschritten, Steuern beachten |
Konkrete Hinweise, die du nirgendwo so klar liest:
- Lass nicht den ganzen Notgroschen auf dem Lohnkonto liegen. Du wirst ihn unbewusst ausgeben. Trenne ihn räumlich (anderes Konto, andere Bank, anderer App-Reiter).
- Vergleiche deine Sparzinsen einmal pro Jahr. Bei Moneyland oder Comparis. Der Unterschied zwischen 0.1% und 0.75% bei CHF 20'000 sind CHF 130 pro Jahr. Kein Vermögen, aber zwei Wochen Lebensmittel.
- Achte auf Rückzugslimiten. Viele Sparkonten erlauben „nur" CHF 50'000 pro Jahr ohne Vorankündigung. Klingt nach viel, ist im Härtefall aber relevant. Schau in die AGB.
- Festgeld ist kein Notgroschen. Auch wenn die Zinsen verlockend sind. Wenn dein Notfall eintritt, sind 6 Monate Sperrfrist Frustration pur.
Mein pragmatischer Vorschlag: 2'000 CHF auf dem Lohnkonto (für die ersten 48 Stunden), Rest auf einem Sparkonto bei einer Kantonal- oder Direktbank, die nicht deine Hauptbank ist. So bleibst du diszipliniert.
Wie baust du ihn auf? Der realistische Plan
CHF 8'000 oder CHF 16'000 ist viel Geld, wenn du bei null startest. Hier ist der Plan, der bei den meisten funktioniert:
Phase 1: Mini-Notgroschen (CHF 1'000–2'000)
Ziel: In den nächsten 2–3 Monaten.
CHF 1'000 deckt die meisten Alltags-Notfälle. Defekte Waschmaschine, kaputtes Velo, kurzfristige Tierarztrechnung. Bevor du irgendwas anderes machst – sogar bevor du Schulden tilgst, ausser sie sind verzinslich über 8% – baust du diesen Mini-Notgroschen auf.
Wie: Dauerauftrag von CHF 300 pro Monat auf ein separates Konto. Direkt nach Lohneingang. Nicht „am Ende des Monats schauen, was übrig ist" – da ist nichts, garantiert.
Phase 2: Voller Notgroschen (CHF 8'000–16'000)
Ziel: In den nächsten 12–24 Monaten.
Jetzt erhöhst du die Sparrate. CHF 500 bis CHF 800 pro Monat sind realistisch für die meisten Berufseinsteiger und Aufbauphase-Verdiener. In 18 Monaten landest du bei CHF 9'000 bis CHF 14'400. Mehr Polster, bessere Nachtruhe.
In dieser Phase sparst du noch nicht in ETFs. Das ist eine bewusste Entscheidung. ETFs schwanken. Wenn dein Job in einer Rezession wegfällt und der Markt 30% im Minus ist, willst du nicht aus dem Tief verkaufen. Der Notgroschen ist Liquidität, Punkt.
Phase 3: Notgroschen läuft, Rest investieren
Sobald der Notgroschen steht, stoppst du die Notgroschen-Einzahlung und schickst das Geld in 3a + ETF. Säule 3a für Steuerersparnis und Pension, ETF für langfristigen Vermögensaufbau.
Wenn du den Notgroschen mal angreifen musst (das wird passieren), nimmst du erst wieder die Sparrate auf, bis er voll ist. Erst dann zurück in ETF / 3a. Diese Reihenfolge ist wichtig: Liquidität zuerst, Rendite danach.
Boost für Ungeduldige
Du willst schneller sein? Vier Wege:
- 13. Monatslohn komplett in den Notgroschen. Tut weh im Dezember, aber bringt dich Monate weiter.
- Steuerrückerstattung in den Notgroschen. Wenn du eine bekommst, geht sie nicht in ein neues iPhone, sondern aufs Sparkonto.
- Boni / Provisionen 100% in den Notgroschen. Bis er voll ist.
- Nebenjob für 6 Monate. CHF 500–1'000 pro Monat extra (Tutoring, Lieferdienste, Beratung) bringt dich in einem halben Jahr durch.
Praxistipp: Der Notgroschen-Check, einmal im Jahr
Setze dir einen wiederkehrenden Termin im Kalender. Einmal im Jahr, zum Beispiel im Januar oder am Geburtstag, machst du Folgendes:
- Sind deine Monatsausgaben gestiegen? (Höhere Miete, Kind dazugekommen, Wohneigentum?) Dann muss der Notgroschen mitwachsen.
- Sind die Sparzinsen woanders besser? Vergleich auf Moneyland, ein Klick. Wenn du 0.5% mehr findest, lohnt sich der Wechsel ab ungefähr CHF 5'000.
- Liegt zu viel Geld auf dem Sparkonto? Mehr als 6–9 Monatsausgaben sind verschenkte Rendite. Den Überschuss in ETFs / 3a verschieben.
- Hast du den Notgroschen angegriffen? Wieder auffüllen, bevor du irgendwo anders sparst.
Das dauert 30 Minuten und ist eine der hochwirksamsten Finanzgewohnheiten überhaupt.
Häufige Fehler, die du vermeiden kannst
Fehler 1: Notgroschen in ETFs „parken"
„Das Geld liegt sonst doch nur rum." Stimmt. Aber wenn der Markt 25% im Minus ist und du gleichzeitig den Job verlierst, hast du nicht mehr CHF 16'000, sondern CHF 12'000. Und du musst verkaufen, ausgerechnet im Tief. Das ist genau das Szenario, vor dem dich der Notgroschen schützen soll.
Fehler 2: Notgroschen auf dem Lohnkonto liegen lassen
Geld auf dem Lohnkonto ist Geld, das du ausgibst. Nicht bewusst, aber faktisch. Trenne den Notgroschen räumlich. Anderes Konto, andere Bank, eigene App.
Fehler 3: Den Notgroschen für „Notfälle" angreifen, die keine sind
Black-Friday-Deal. Konzertkarten. „Einmaliges" Angebot beim Reifenwechsel. Das sind keine Notfälle. Der Notgroschen geht nur ran, wenn die Gesundheit, die Wohnung, der Job oder ein essenzielles Gerät betroffen ist.
Fehler 4: Auf 6 Monate warten, bevor du investierst
Wenn du frisch im Beruf bist und CHF 200 pro Monat in der 3a oder im ETF anlegen würdest, sind 18 Monate Pause für den Notgroschen viele verlorene Zinseszins-Jahre. Mach beides parallel, mit Schwerpunkt Notgroschen: zum Beispiel CHF 500 Notgroschen + CHF 200 ETF/3a. Du verlierst nicht das ganze Momentum.
Fehler 5: Den Notgroschen-Wert nie anpassen
Vor 5 Jahren hast du CHF 1'800 pro Monat ausgegeben, dein Notgroschen war CHF 7'200. Heute lebst du anders, kostest CHF 3'500 pro Monat. Der CHF 7'200 deckt jetzt 2 Monate, nicht 4. Notgroschen ist kein Einmal-Projekt, sondern wächst mit dir mit.
Häufig gestellte Fragen
Macht ein Notgroschen heute noch Sinn, wo Sparzinsen bei null sind?
Ja, mehr denn je. Genau weil die Wirtschaft volatil genug ist, dass die SNB die Zinsen wieder auf null senkt, ist Liquidität wertvoll. Die paar verlorene Franken Zinsen pro Jahr sind nichts gegen die mehreren tausend Franken, die ein einziger Notfall ohne Notgroschen kostet (Kreditzinsen, Kreditkartenschulden, verkaufte ETFs im Tief).
Soll ich erst Schulden tilgen oder Notgroschen aufbauen?
Mini-Notgroschen (CHF 1'000–2'000) zuerst. Sonst zahlst du den nächsten Notfall wieder mit der Kreditkarte und kommst aus dem Schulden-Loch nie raus. Danach: Schulden mit über 6–8% Zins zuerst tilgen, dann den vollen Notgroschen aufbauen. Bei tieferen Zinsen (Hypothek, Studienkredit) parallel.
Was, wenn der Notgroschen mal nicht reicht?
Dann brauchst du zusätzliche Liquidität. Optionen in dieser Reihenfolge: Familie / Freunde (zinsfrei, klar dokumentiert), Konsumkredit-Vergleich (nur als letzte Option, Comparis), 3a-Vorbezug (nur Wohneigentum oder Auswanderung), bestehende ETFs verkaufen (Steuern und Marktrisiko beachten). Kreditkarten-Schulden sind die teuerste Option mit 12–15% Zins. Vermeiden.
Reicht 1 Monat als Notgroschen für den Anfang?
Als Mini-Notgroschen ja. CHF 2'000–3'000 deckt 90% der Alltagsnotfälle. Aber 1 Monat schützt dich nicht vor Jobverlust. Mach den Mini-Notgroschen zuerst (2–3 Monate), dann arbeite Richtung 3 vollen Monatsausgaben weiter.
Was, wenn ich Wohneigentum besitze?
Dann brauchst du mehr. Mindestens 6 Monatsausgaben plus einen separaten Topf für Unterhalt (1% des Immobilienwerts pro Jahr ist eine gängige Faustregel). Eine kaputte Heizung kann CHF 15'000 kosten. Dafür ist der „normale" Notgroschen nicht gedacht.
Das Wichtigste in einem Satz
Ein Notgroschen ist die billigste Versicherung, die du je abschliessen wirst – und die einzige, die du selber aufbaust, ohne Vertrag und ohne Berater.
Wenn du heute startest mit einem Dauerauftrag von CHF 300 pro Monat, hast du in 12 Monaten CHF 3'600. In 24 Monaten CHF 7'200. In 36 Monaten CHF 10'800. Plus die paar Franken Zinsen, falls du das Konto richtig wählst.
Das ist nicht spektakulär. Es ist nicht Instagram-tauglich. Aber an dem Dienstag, an dem du auf den halben Backenzahn beisst und der Garagist anruft, wirst du genau wissen, warum du das gemacht hast.
Rechne dir mit dem Sparziel-Rechner durch, wie lange dein persönlicher Notgroschen-Aufbau dauert. Eingabe: dein Zielbetrag, deine monatliche Sparrate. Ergebnis: deine Notgroschen-Deadline, schwarz auf weiss.